Dokumentation 2017

„Sie müssen Ihren eigenen Weg finden!“

Mit dieser Bemerkung legte Prof. Dr. Hans-Christoph Reiss gleich zu Beginn der 22. Auflage der Sozialwirtschaftlichen Managementtagung in der Hochschule Mainz am 15. März 2017 den Schwerpunkt auf die persönliche Verantwortung der Teilnehmenden. 75 Prozent der rund 100 Teilnehmer/-innen waren Leitungskräfte. Der Fokus sollte sich bis zum Abschlussreferat wie ein roter Faden durch die Tagung ziehen.  

Sozialunternehmen stehen nach der Auffassung von Prof. Reiss vor zwei prinzipiellen Herausforderungen, die auch den Digitalisierungsprozess betreffen. Wie er in seinem einleitenden Vortrag „Die Sozial- und Gesundheitswirtschaft im Spannungsfeld von Ethik und Digitalisierung“ ausführte, sollten sie sozialethisch agieren, gerade auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern, und zugleich erfolgsorientiert. „Big Data braucht Ethik“, erklärte Reiss. „Sonst droht eine Verrohung der Sitten.“ Die Digitalisierung stelle Anforderungen an die Unternehmensethik. Dazu zähle, beispielsweise, unangenehme Fragen hinsichtlich sozialer Aspekte nicht auf die nächstschwächere Ebene zu delegieren. „Ich will hier nicht den Moralapostel geben, aber jedes Unternehmen, jede Führungspersönlichkeit sollte darüber nachdenken.“ Auf der anderen Seite bietet die Digitalisierung nach der Überzeugung von Reiss große Chancen, aus Daten neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – und zwar immer unter Beachtung der unternehmensspezifischen Fragestellung „Was soll uns die Digitalisierung bringen?“ und „Welche Ziele verfolgen wir damit?“.

Anschließend ging es für die Teilnehmer/-innen in die Workshops. „Digitalisierung richtig steuern – datenschutzrechtliche Vorgaben unternehmenspolitisch erkennen und umsetzen“ – das war das Thema für Stefan Strüwe von der Curacon GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Münster, übrigens zum ersten Mal Premium-Partner der Veranstaltung. Sein Credo: Besser sich früh über Konsequenzen der Digitalisierung Gedanken machen, sonst drohen unangenehme Überraschungen! Er berichtete aus der Praxis, dass in Unternehmen sehr häufig Prozesse digital angelegt würden, aber das Drumherum unberücksichtigt bleibe – so etwa, was allgemeine Infrastruktur, Informationstechnologie oder Brandschutz angehe. Außerdem gebe es in der Branche teils große Naivität, was den Datenschutz angehe. So würden in Krankenhäusern sensible Patientendaten über private Handys ausgetauscht. Das gelte etwa hinsichtlich so genannter „Vorher/Nachher-Fotos“. Auch werde das Privathandy genutzt, wenn es um praktische Funktionalitäten gehe, die z.B. über die Krankenhaus-IT so noch nicht verfügbar seien. Und allgemein sagt der Curacon-Datenschutz-Experte: „Früher gab es Listen auf Papier. In die hat aber niemand reingeschaut. Heute sind die Listen digital. Eine Auswertung funktioniert per Knopfdruck. Dabei wird der Datenschutz häufig nicht beachtet.“

Parallel dazu informierte auch Dr. Claus Aye von der TASCO Revision und Beratung GmbH im „Forum IT“ über „Risiken bei Informationssicherheit und Datenschutz“. Er gab den Teilnehmern zahlreiche praktische Verhaltensregeln mit auf den Weg, wie sie ihr Unternehmen vor Hackern oder anderen Versuchen, interne Daten aus dem Unternehmen abzuziehen, schützen können. Es ging etwa um Regeln für Passwörter oder um Zugriffsschutz wie Anwenderberechtigungen, Virenschutz und Verschlüsselungen. Insgesamt plädierte Aye – ebenso wie Curacon-Referent Strüwe – für gezielte und frühzeitige Schutzmaßnahmen in allen wichtigen Geschäftsprozessen: „IT-Sicherheit und Datenschutz bedeuten Aufwand, aber vermindern deutlich Risiken!“

„Wirkungen: schätzen, messen und controllen“ – darum ging es im „Forum Beratung“ und im gleichnamigen Workshop von Dr. Britta Wagner von der xit GmbH aus Nürnberg. Die promovierte Soziologin machte den Teilnehmer/-innen Mut gegen Argumente, soziale Arbeit immer nur als Kostenfaktor zu sehen. Dazu erklärte sie, wie die Wirkungsforschung es geschafft hat, für soziale Leistungen einen konkreten „Social Return on Invest“ zu ermitteln. Dazu werden nach ihren Worten wahrscheinliche Folgen ermittelt unter dem Motto „Was wäre, wenn …?“ es zum Beispiel keine Schuldnerberatung gäbe? Anhand von Fallbeispielen arbeitete Dr. Wagner dabei heraus, ab wann sich eine soziale Dienstleistung für eine Stadt, für eine Region, für ein Bundesland lohnt. Die eingesetzten öffentlichen Mittel setze sie dabei in Relation zur geschätzten Einsparung. Die Teilnehmenden waren begeistert. „Der Workshop war eine wirkliche Hilfe, mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten“ – so der einhellige Tenor.

Im „Forum Recht“ ging es um Hebel, die Sozialunternehmen ansetzen können, wenn ihnen von Mitarbeitern übel mitgespielt wird: Alexander Wischnewski von der Kanzlei Iffland & Wischnewski GbR aus Darmstadt referierte über „Zweifelhafte oder missbräuchliche Krankmeldungen – was Träger tun können.“ Der Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht erläuterte die Möglichkeit, bei zweifelhaften oder verspäteten Krankmeldungen die Entgeltfortzahlung zu verweigern oder als letztes Mittel nach vorheriger Abmahnung eine „verhaltensbedingte Kündigung“ auszusprechen. Außerdem besprach er in dem Workshop, wie sich Arbeitgeber vor Gericht rechtssicher verhalten können.

Zurück aus den Workshops ins Plenum. „Erfolgsindikatoren für eine Digitalisierungsstrategie“ stellte abschließend Thomas Eisenreich, Bereichsleiter Ökonomie des Verbandes diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD), in einem Vortrag vor. Dabei stellte er – ebenso wie bereits Prof. Reiss zu Beginn der Veranstaltung – zunächst heraus, dass es in den Händen der Teilnehmer/-innen liege, welche Konsequenzen sie aus der Digitalisierung ziehen wollen. In jedem Falle brauchten die sozialen Einrichtungen eine Strategie – entweder neue Geschäftsmodelle aus den neuen Möglichkeiten zu entwickeln oder sich bewusst dagegen und für eine „analoge“ Strategie zu entscheiden. Eines sei sicher: Die Digitalisierung einfach ignorieren könne niemand.

Was neue Möglichkeiten durch die Digitalisierung angeht, nannte Eisenreich mehrfach den absehbaren Trend zur weiteren Kundenorientierung. „Man wird schon bald nicht mehr nur Dienstleistungen aussuchen können, sondern auch ganz gezielt Personen für diese Dienstleistung! Die gesetzlichen Grundlagen dafür seien durch das Prinzip „Selbstzahler“ bereits gegeben. Innovationen dürften der Einschätzung Eisenreichs nach vor allem durch kleine Start-ups kommen. Deren Mitarbeiter seien extrem motiviert und die Hierarchien in den Jungunternehmen flach. Es werde zwar auch viele Misserfolge geben, aber eben auch Erfolge. „Und deren Angebote werden den Kunden aus dem Herzen sprechen“, ist Eisenreich überzeugt. Auf die Innovationskraft von netzwerkartigen, dezentral aufgestellten Unternehmen hatte am Vormittag zuvor bereits Prof. Reiss hingewiesen. Eisenreich rechnet bereits für die nahe Zukunft mit grundlegenden Veränderungen für die Sozialbranche – etwa durch „Smart Home“, „Smart Mobility“ oder „Smart City“, verbunden mit der Möglichkeit, diese mit Dienstleistungen an die Auswertung von Daten zu koppeln: „Künftig ist nicht mehr allein das Produkt, eine Dienstleistung, für Unternehmen wertschöpfend, sondern ihr Vermögen [also: ihre Fähigkeit] aus Daten Rückschlüsse zu ziehen und daraus neue Dienstleistungen zu entwickeln.“

Die 23. Sozialwirtschaftliche Managementtagung findet an gleicher Stelle am Mittwoch, 7. März 2018 statt.

 

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