Dokumentation 2018

Sozialwirtschaft nach der Wahl: mehr als ein Wirtschaftsfaktor!?

Unter diesem Titel fand am 7. März 2018 die nunmehr 23. Sozialwirtschaftliche Managementtagung vor 100 anwesenden Personen statt. Wie in den Jahren zuvor waren davon rund 70 Prozent Geschäftsführer und leitende Angestellte. Gut ein Dutzend Partner und Kooperationspartner stellten wieder in der Vorhalle ihre Produkte und Dienstleistungen vor. Dadurch avanciert die Tagung inzwischen zu einer kleinen, aber feinen Branchenmesse, die den Ausstellern nach eigenen Angaben ein gutes Messegeschäft einbringt.  

Der Ideengeber und Treiber der bundesweit renommierten Tagung, Prof. Christoph Reiss, brachte zu Beginn die zentrale Fragestellung der Tagung auf den Punkt: „Die Sozial- und Gesundheitswirtschaft leistet einen zentralen Beitrag zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Sie ist ein Standortvorteil für jeden Wirtschaftsstandort, schafft Arbeitsplätze und wirtschaftliche Nachfrage. Und sie führt zur sozialen Sicherheit, die auf Dauer sozialen Frieden ermöglicht. Bleibt dies auch in der neuen Großen Koalition so?“ Der um die Sozialbranche leidenschaftlich kämpfende Hochschullehrer ist der Ansicht, dass eine qualitativ hochwertige Sozialarbeit, Betreuung und Pflege auf Dauer nur dann geleistet werden kann, wenn die von der Politik im Bund, im Land und im Kommunalbereich verantworteten finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen dies ermöglichen.

„Überraschung, Überraschung“

Was bringt der Koalitionsvertrag für die Pflege?“ – unter dieses Motto stellte im „Forum Recht“ Sascha Iffland seinen Workshop. Der Anwalt von der Kanzlei Iffland Wischnewski, Fachkanzlei für die Sozialwirtschaft (Darmstadt) nahm vor allem den Mangel an Fachkräften unter die Lupe („Das ist die große Klammer, unter der das Kapitel Pflege stehen wird.“) Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: „In einem Sofortprogramm werden wir 8.000 neue Fachkraftstellen im Zusammenhang mit der medizinischen Behandlungspflege in Pflegeeinrichtungen schaffen. Der dafür erforderliche finanzielle Mehraufwand soll durch eine Vollfinanzierung aus Mitteln der GKV erfolgen.“ Das Sofortprogramm könnte nach Einschätzung von Sascha Iffland zum Januar 2019 realisiert werden. Wie können ergänzend dazu die Arbeitsbedingungen von Fachkräften und Betreuern attraktiver gemacht werden? Die Große Koalition in Berlin will dies unter anderem durch ein höheres Gehalt erreichen. Wörtlich heißt es: „Wir wollen die Bezahlung in der Altenpflege nach Tarif stärken. Gemeinsam mit den Tarifpartnern wollen wir dafür sorgen, dass Tarifverträge in der Altenpflege flächendeckend zur Anwendung kommen. Wir wollen angemessene Löhne und gute Arbeitsbedingungen in der Altenpflege. Dafür schaffen wir die gesetzlichen Voraussetzungen.“

Einen flächendeckenden Tarif einzuführen ist aus Sicht des Juristen Iffland nicht einfach umzusetzen. „Möglicherweise kommt ein Gesetz, das die Grundlagen dafür bildet. Das Gesetzesvorhaben ginge aber wahrscheinlich erst einmal zum Bundesverfassungsgericht. Als realistische und rasche Möglichkeit, eine avisierte bessere Bezahlung umzusetzen, sehe ich eine Anpassung des Pflegemindestlohns.“ 

Liegt die Zukunft im ambulanten System?

Im „Forum Unternehmenspolitik“ hieß das Thema: „Zwischen Ambulantisierung und bürgerschaftlichem Engagement – Perspektiven der Pflegeversorgung“. Tim Liedmann von der Curacon GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Münster) zeigte darin unter anderem so genannte „Megatrends“ in der Altenhilfe auf. Neben dem bekannten Fachkräftemangel nannte der Leiter des Curacon-Geschäftsfelds „Strategie und Organisation in der Sozialwirtschaft“ dabei zeitgleiche Faktoren wie Nachfrageanstieg, steigende bauliche Anforderungen, starke Regulierung, Konzentration und Privatisierung und konzeptionelle Veränderungen. Durch die Umstellungen des Gesetzgebers (PSG II) werden nach seinen Ausführungen ambulante Dienstleistungen spürbar besser vergütet als im stationären System. Dies habe dazu geführt, dass stationäre Einrichtungen zunehmend in ambulante Stationen überführt werden. Außerdem würden ambulante Kapazitäten mehr und mehr in Kombination mit Wohnangeboten („Quartierslösungen“) angeboten und Versorgungsketten aufgebaut. Problem: Auch das ambulante System werde dadurch limitiert, dass für die ambulante Versorgung mehr Fach- und Hilfspersonal benötigt werde.

Anhand mehrerer Praxisbeispiele verdeutlichte Tim Liedmann, dass bürgerschaftliches Engagement spezifische Mängel der heutigen Versorgung beseitigt. So bieten sie etwa niederschwellige Leistungen, die durch das Raster gewerblicher Anbieter fallen (Betreuungsdienste, Kleinstreparaturen). Vor allem aber stifteten sie Nähe durch „Gemeinschaft“. Die Herausforderung besteht aus Sicht Diplom-Kaufmanns nun darin, die Schnittstellen zwischen bürgerschaftlichem Engagement und professionellen Anbietern zu schließen. Leitfrage dabei: „Wo beginnt die Arbeit des Einen, wo des Anderen?“

Was bietet eine gute Bank?

Im „Forum Beratung“ hieß das Motto: „Über Geld redet man: Zukunftssicherung mit Investitionen“. Ronald Vach von der Bank für Sozialwirtschaft AG (Köln) führte aus, dass die Konsolidierung und Konzentration der Märkte in der Sozialwirtschaft aktuell insbesondere von internationalen Investoren und supranationalen Unternehmen forciert wird. Es sei damit zu rechnen, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetze und sich dadurch einzelne Märkte der Sozialwirtschaft deutlich veränderten. „Für die Geschäftsmodelle und deren Finanzierung von freigemeinnützigen Unternehmen kann dies angesichts des hohen Investitions- und Finanzierungsbedarfs in einigen Branchen zu einer großen Herausforderung werden.“ Der Direktor Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland der Bank für Sozialwirtschaft mit Sitz in Kassel weiter: „Der Kapitalzugang kann daher zu einem kritischen Erfolgsfaktor in einzelnen Märkten der Sozialwirtschaft werden.“ Banken seien gefordert, die freigemeinnützigen Unternehmen mit einem erweiterten Portfolio an Finanzierungs- und Beratungsleistungen bei den Veränderungen zu begleiten. Dabei zeigte der Finanzexperte beispielhafte Finanzierungsstrukturen auf.

Veränderungen durch Gesetz und digitalen Wandel

Im „Forum IT“ leitete Kerstin Kimmritz, Leiterin Produktmanagement MiCOS – Mikro Computer Systeme GmbH den Workshop „Digitalisierung und das Bundesteilhabegesetz (BGTH)“. Mit der Änderung des anspruchsberechtigten Personenkreises, seiner Kostenbeteiligung und der Mitbestimmung hat sich ihren Angaben zufolge seit der Reform 2017 unter anderem die Leistungsstruktur verändert. Der Fokus der Leistung habe sich von der Fürsorge zur Teilhabe verschoben. Für die Einrichtungen birge das neue BGTH positive Veränderungen aber auch Herausforderungen – hinsichtlich Leistungen, Preise und Verträgen, hinsichtlich Koordination und Kooperation sowie hinsichtlich Steuerung und Transparenz. 

Außerdem ging Kerstin Kimmritz zum Stand der Digitalisierung in den Einrichtungen ein. Dabei skizzierte sie auch den allgemeinen Trend, dass digitale Angebote zunehmend konventionelle Anbieter ersetzen. Beispiel: automatische Erkennung von Emotionen zum Training sozialen Verhaltens etwa als Assistenzsystem zur Erkennung des emotionalen Zustandes von Werkstattmitarbeiterinnen und -mitarbeitern oder emotionssensitive Assistenzsysteme zur reaktiven psychologischen Interaktion mit Menschen etwa bei Demenz.

Zwei Vorträge — eine große Herausforderung: Digitalisierung  

Auch die beiden Vorträge von Professor Bernd Halfar und von Professor Michael Vilian beschäftigten sich mit vielfältigen Veränderungen und Herausforderungen durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft. 

Professor Bernd Halfar referierte über „Wirkungsorientiertes Investieren: Konzeption für eine effektive Wirkung von finanzieller und sozialer Rendite“. Der renommierte Experte von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der xit GmbH in Nürnberg stellte eingangs die Frage: „Wie lässt sich in Geschäftsmodelle investieren, die wir noch nicht kennen?“ Etwa in die Behandlung von Menschen, die immer ein großes Hungergefühl haben. Gängige Therapien laufen hier nach seinen Worten ins Leere. Oder in die Prävention bei suizidgefährdeten Menschen. Die „Rendite“ liege in der Prävention. Eine „neue Ökonomie mit vermiedenen Kosten“ könne interessant sein für Banken aber auch für Sozialträger. Weitere künftige Investitionsbeispiele könnten etwa Internet-Plattformen betreffen, die zunehmend konventionelle Anbieter ersetzen. „Hier kommen völlig neue Investitions- und Preismodelle auf uns.“

Im Weiteren verlauf ging Professor Halfar auf Social Return on Investment-Berechnungen für sozialwirtschaftliche Unternehmen ein. „Arbeitsplätze in Sozialunternehmen schaffen in anderen Bereichen Arbeitsplätze. Das lässt sich inzwischen nachweisen und genau berechnen.“

Professor Michael Vilain vom Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft (IZGS) der Evangelischen Hochschule Darmstadt (EHD) referierte über „Digitalisierung und hybride Organisation als Weg in die digitale Zukunft.“ Dabei nannte auch er neue Formen der Investitionen – etwa in Crowdfunding, die als Investment interessanter sein könnten als so manche Anlageform. Dies hinterfrage auch Banken und deren herkömmliche Finanzierung. Im weiteren Verlauf beschäftigte sich der Vortrag mit zahlreichen Herausforderungen für soziale Organisationen aus dem Wesen der Digitalisierung heraus. Deren Unübersichtlichkeit erfordere eine Kultur der Offenheit, eine „Ambiguitätstoleranz“ seitens des Managements. Der wachsende Bedarf an IT-Kenntnissen erfordere mehr Techniker und schaffe veränderte Berufsbilder. Und schließlich: Der Bedeutungszuwachs der Netzwerke erfordere dezentrale Strukturen und agile Führung. „Neuartige, hybride Organisationen und Geschäftsmodelle können die Existenz der Sozialunternehmen bedeuten aber gleichzeitig auch zahlreiche Möglichkeiten von Innovation.“ 

Als Beispiel nannte Professor Vilian (ebenso wie zuvor Tim Liedmann in seinem Workshop) die Nachbarschaftshilfe BUURTZORG in den Niederlanden. Im Mittelpunkt des Konzepts steht seinen Angaben zufolge die bedürftige Person, drumherum werde ein Netzwerk von Nachbarschaftshilfen geschaffen und dann erst setzt die professionelle Hilfe ein. Nach nur gut zehn Jahren habe sich die Organisation zum größten Pflegdienstanbieter in den Niederlanden entwickelt. Schlussfrage des Referenten an die Zuhörerinnen und Zuhörer: Nehmen wir mal an, Sie wollten das Modell übernehmen. Wie schnell könnten Sie sich anpassen?“ 

 

 

Stimmen zur 23. Sozialwirtschaftlichen Managementtagung

„Der Vortrag von Professor Halfar war sehr interessant, weil er einen spannenden Blick auf die Wirkungskontrolle. Das Wissen lässt sich etwa in Haushaltsberatungen anwenden. Außerdem interessant war zu hören, wie viele Daten man in der Sozialbranche erheben kann. Das Wissen können wir in Diskussionen und Gespräch mit unseren Antragstellern nutzen.

Ursula Hartmann-Graham, Beigeordnet in der Kreisverwaltung Mainz-Bingen (Ingelheim)

 

„Sehr innovativer Ansatz von Professor Halfar, der mich und sicher viele andere zum Nachdenken und Überdenken bisheriger Geschäftsmodelle angeregt hat.“

Erwin Götz, summarum AG

 

„Der Workshop von Tim Liedmann von Curacon und der Vortrag von Professor Halfa haben professionell formuliert, wie die Themen Betreuung und Pflege auf lokale Bezüge weiterentwickelt werden können.“ 

Frank Polaschek-Rödle, Regionalleitung Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie, Stiftungsverein Mainz 

 

„Ich war bereits mehrere Male dabei. Ich finde die Veranstaltung gut, weil aktuelle Themen aufgegriffen werden und eine Brücke zu den Hochschulen geschlagen wird, also die Verbindung von Theorie und Praxis.“ 

Eberhard Emrich, Lebenshilfe Gießen e.V., Geschäftsführung Bereich Finanzen 

 

„Ich komme seit mehreren Jahren nach Mainz. Für mich ist es eine gute Gelegenheit aus den Prozessen des Alltags herauszukommen, um einen Blick über den Tellerrand zu bekommen, um neuen Dinge im Alltag zu bewegen.“

Claus Helmert, paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin, Bereichsleiter Finanzen und Verwaltung 

 

Der Vortrag von Professor Vilian zeigte die Riesenherausforderung für Wohlfahrtsverbände auf. Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen und moderne Angebote zu schaffen, die dem Kunden nutzen und bei ihm für Zufriedenheit sorgen.“ 

Sascha Morsch, Arbeiter Samariter Bund, Landesverband Hessen e.V., Referent Qualitätsmanagement

 

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